Droht die Derivateblase zu platzen oder ist alles nur heiße Luft?

Bad Marienberg (www.aktiencheck.de) – 1998 ging der US-Amerikanische Hedge-Fond Long Term Capital Management pleite. Er verwaltete ein Vermögen von über 100 internationalen Investoren, darunter Pensionsfonds und namhafte Banken mit Hilfe von Derivaten. Am Ende musste der Fond gerettet werden, indem dieselben Banken 1,4 Mrd. U$ nachgeschossen haben.


Bild: Laut ZDF Politbarometer sprachen sich 45 Prozent der Probanden gegen die Bankenrettung aus. Bildquelle: Aktiencheck.

2008 gingen Banken reihenweise pleite weil strukturierte Produkte, auch CDOs (Collateral Debt Obigations) genannt, das Risiko verschleierten und schließlich so stark an Wert verloren, dass Bilanzen der Banken faktisch implodierten. Doch was sind Derivate überhaupt?

Derivate sind  Finanz-Produkte, die in ihrer ursprünglichen Form zur Absicherung gedacht waren. Betrachtet man das Konstrukt aus diesem absicherungstechnischen Blickwinkel wird sofort klar, warum der Handel mit Derivaten enorm gehebelt und zu der risikoreichsten Anlageform gehört.

Eine Absicherung ist nämlich nicht das tatsächliche Geschäft hinter dem Derivat und ist daher günstiger als der eigentliche Basiswert selbst.  Es lassen sich auf diese Weise Kursunterschiede ausnutzen, ohne sich diesen Wert in einem Verhältnis 1 zu 1 ins Portfolio zu holen.

Vereinfacht würde man bei einem Verhältnis von 1 zu 1 für eine Aktie genau den Wert zahlen, der ihr gerade beigemessen wird, also den aktuellen Kurs. Im Falle von Derivaten hinterlegt man lediglich eine Sicherheitsleistung, die viel geringer ist als der eigentliche Wert dieser Aktie. Verändert sich nun der Kurs dieser Aktie, so wäre die Rendite bzw. der
Verlust bezogen auf das Investment (Sicherheitsleistung) um ein vielfaches höher.

Auch der Hedge-Fonds Long Term Capital Management hat solche Derivate eingesetzt. Seine Erfolge in den Jahren davor und die Tatsache, dass dessen Manager zu der Riege der besten Anleihehändlern weltweit gehörten, führten dazu, dass Banken und andere Institutionen enorm viel Kapital investierten. Darüber hinaus konnte der Hedge-Fonds aufgrund seiner Vormachtstellung bessere Konditionen bei Vermittlerbanken aushandeln. Genaugenommen haben sie diese sogar bestimmt.

Zwar basierte die Handelsstrategie des Hedge-Fonds durchaus auf risikobegrenzenden Berechnungen und Hedging-Methoden, doch hatte das am Ende nicht viel genützt, denn der Hedge-Fonds war mit einem 25fachen Hebel bezogen auf sein Eigenkapital investiert. Als die Russland-Krise im Jahre 1998 eine Abwertung des Rubels nach sich zog und Anleihekurse der asiatischen und osteuropäischen Länder einbrachen, konnte sich der Hedge-Fonds nicht mehr halten und musste gerettet werden. Das aber nur unter der Bedingung den Hedge-Fonds
danach aufzulösen.

Wie entstehen Derivate-Blasen

Laut dem Institut für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beläuft sich der Wert der gehaltenen OTC-Derivate (Over the Counter, nicht börsengehandelt) per Ende Juni 2014 auf 691 Billionen U$-Dollar. Zwar sind durchaus rückläufige Entwicklungen seit dem Jahr 2013 im Bereich der rentenabhängigen als auch Devisenderivate zu verzeichnen. Betrachtet man den Stand vor 1998 und 2008, ist der volumenmäßige Anteil der Derivate höher als zu den beiden Zeitpunkten.

Also doch wieder eine Blase? Anders als bei Aktien ist das Handelsvolumen bei Derivaten nicht begrenzt. Es müssen sich lediglich zwei Parteien zusammen finden um ein neues Derivat zu bilden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Volumen an Derivaten stetig steigt.

Problematisch wird das Ganze, wenn die eigentlichen Verträge, die hinter diesen Derivaten stehen nicht mehr bedient werden können, weil sie an Wert verloren haben und sich keine Abnehmer mehr finden lassen. Hinsichtlich der Finanzkrise im Jahr 2008 ergab sich ein ähnlicher Fall.

Hypothekenbesicherte Kredite in Form von Derivaten (CDOs) konnten aufgrund ihrer Struktur die Bonität der Hypothekennehmer verschleiern. Anschließend wurden sie überwiegend in Länder verkauft, die sich mit Derivaten nicht auskannten, zum Beispiel Deutschland. Als die Hypothekenverträge ausfielen, da die Hypothekennehmer nicht mehr zahlten, fiel auch der Wert dieser Papiere ins Bodenlose.

Die, die dann noch Geld machten waren findige Hedge-Fonds-Manager. Diese haben sich vorher mit den sogenannten Credit Default Swaps (CDS) eingedeckt. Eine weitere Variante von Absicherungsderivaten, nur eben gegen den Ausfall von Unternehmen und Staaten. Institutionen wie die Versicherungsgesellschaft AIG hat zuvor ein enormes Volumen an CDS verkauft. Als der Wert der CDSs rasant anstieg, riss das Geschäft die Versicherungsgesellschaft mit nach unten.

Oft wird Kritik an diesen Hedge-Fond-Managern geübt. Dabei haben viele von ihnen offen und direkt ihre Pläne und die Einschätzung zur prekären Lage kommuniziert. Einige haben sich schon 5 Jahre vor der Krise mit Credit Default Swaps eingedeckt. Doch die Schuld bei denen zu suchen, die an der Krise Geld verdient haben ist unangebracht, vor allem weil diese Manager im Gegensatz zu den schwerfälligen Banken, die an Provisionen verdienen wollten die Lage richtig eingeschätzt haben.

Die BIZ hat bereits zwei Jahre vor der Krise vor einer Blasenbildung gewarnt. Doch Fakt ist, dass der größte Anteil der Derivatepositionen von lediglich fünf US-Banken verwaltet wird. Nämlich der J.P. Morgan Chase, Bank of Amerika, Citigroup, Morgan Stanley und Goldman Sachs. Das führt zu Klumpenrisiken.

Darüber hinaus heizen geldpolitische Maßnahmen die Blasenbildung an. Verfolgt man alle geldpolitischen Maßnahmen bis auf die Japan-Krise in den 90er Jahren zurück erkennt man, dass all diese Maßnahmen stets zu Umschichtungen
spekulativen Kapitals geführt haben, die letztendlich zur Blasenbildung beitrugen.

Schwierig wird das Ganze wenn geldpolitische Maßnahmen wieder zurück gefahren werden und das müssen sie irgendwann. Denn eine Wirtschaft kann nicht ewig per Stimuli auf Trab gehalten werden.

Nachdem sich eine Blase aufgrund der Maßnahmen, wie etwa einer Zinssenkung gebildet hat, kommt es schnell zu Schocks, wenn Zinsen wieder steigen. Aktienmärkte werden rasant abverkauft, Derivate aufgelöst. So geschehen vor nicht zu all zu langer Zeit in den Schwellenländern.

Aufgrund des QE-Programms (Staatsanleihenaufkauf) der FED floss billiges Kapital vermehrt in Schwellenländer da dort das Wachstum höhere Renditen versprach. Kaum hat die FED Anfang 2014 mit dem Tapering (langsames Zurückfahren des Staatsanleihen-Aufkaufens) begonnen, folgte darauf eine Schwellenländerkrise, die mit dem massiven Abzug von Kapital verbunden war. Diese Krise hält bis heute noch an.


Bild: Die EZB hielt 2013 viele Staatsanleihen von Italien. Der Kauf von Staatsanleihen ist eigentlich keine Aufgabe der EZB. Bildquelle: Aktiencheck

Ist der Derivate-Handel für den privaten Anleger attraktiv?

Derivate gibt es schon seit mehr als 200 Jahren. Damals wurden sie in Form von Futures-Kontrakten, die es heute noch gibt, zur Absicherung von Rohstoffpreisen gehandelt. Später übernahmen Spekulanten den Großteil des Handels und den Gegenpart der Hedger. Damit bieten sie Liquidität und sorgen dafür, dass Risiken fortwährend vermindert werden können.

Seit dem der Online-Handel floriert, kommen auch private Anleger in den Genuss Derivate zu handeln. Das können sie vermehrt entweder in Form von Börsenprodukten wie Futures und Optionen oder emittierten OTC-Derivaten wie etwa Zertifikaten.

Aufgrund des enormen Hebels allerdings, erweist sich der Handel von Derivaten für den uninformierten Privathändler als sehr schwierig. Produkte wie CFDs oder der gehebelte Devisenhandel (Forex) erfreuen sich dennoch größerer Beliebtheit. Eine neue Variante sind derweil binäre Optionen.

Binäre Optionen stechen durch ihre einfache Struktur heraus. Klassische Optionen sind börsengehandelte Derivate, denen ein Vertrag zu Grunde liegt, bei dem der Inhaber einer Option nach einer bestimmten Laufzeit entscheiden kann, ob er den Basiswert erwirbt oder nicht. Ist also der Basiswert im Preis gestiegen, und die Option sichert dem Inhaber einen niedrigeren Preis, so wird er diese Option ausüben. Andererseits lässt er sie verfallen und verliert nur den Optionspreis.

Diese Wahl stellt eine asymmetrische Renditeverteilung dar. Der Inhaber der Option hat unendliches Gewinnpotential und ein Verlustpotential, das nur auf den Optionspreis begrenzt ist. So weit so gut.

Bei binären Optionen entscheidet sich der Händler für eine Richtung. Der Gewinn und der Verlust sind von vornherein festgelegt. Zwar sind diese Produkte einfacher als klassische Optionen, das Gewinnpotential ist hier jedoch ebenfalls begrenzt.


Bild: Optionsscheine gehören zu den beliebtesten Derivaten. Bildquelle: Aktiencheck

Und genau hier liegt die Krux an Derivaten für private Händler. Im Gegensatz zu anderen Produkten, die auch von Professionellen gehandelt werden, verbergen sich bei Derivaten für den privaten Händler Ungleichgewichte in der Struktur. Diese erweisen sich aber als nachteilig für den Händler. Das macht aber nichts, denn derjenige der sie handelt, hat das eh nicht begriffen und ist daher der perfekte Kunde für Emissionsbanken und Broker.

Die Frage ob solche Produkte zur Blasenbildung beitragen, kann man definitiv mit einem Nein beantworten. Blasen bilden sich aufgrund von hohen Volumina an Kapital, das aber den privaten Händlern gar nicht zur Verfügung steht. Daher können Derivate wie CDOs, Zins-Swaps oder Währungs-Swaps, die überwiegend von institutionellen außerbörslich und untereinander gehandelt werden gefährlich werden. Vor allem wenn sie fremdfinanziert sind.(13.01.2015/ac/n/m)

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