Markttechnik: Fehlausbruch oder neuer Trend?

Frankfurt (www.aktiencheck.de) – Die Talfahrt scheint gestoppt, zumindest vorerst, so die Deutsche Börse AG.

Seit dem jüngsten EU-Krisengipfel Ende vergangener Woche hätten sich die Aktienmärkte deutlich erholt – auch wenn es am heutigen Mittwoch zu einer Konsolidierung komme. „Der Abwärtstrend ist geknackt. Damit besteht die Chance in Richtung 6.600 Punkte und auch darüber hinaus anzusteigen“, konstatiere der technische Analyst und Herausgeber des „Candlestick-Letter“, Stefan Salomon. Aufgrund der politischen Börse sei zwar auch ein Fehlausbruch durchaus noch einzuplanen. Vorerst sollte sich der DAX (ISIN DE0008469008/ WKN 846900) aus Sicht des Technikers im Bereich von 6.500 Punkten aber stabil zeigen.

„Da auch die trendfolgenden Indikatoren MACD und Aroon long positioniert sind, sehen wir kurzfristig gute Chancen auf eine Fortsetzung der jüngsten Rally“, reihe sich die HSBC ins Optimistenlager ein. Die nächste Hürde markiere das Tief von Anfang März bei 6.613 Punkten, bevor für die Aktienbullen sogar die Hochpunkte von April und Mai bei gut 6.800 Punkten in Schlagdistanz geraten könnten. Auf der Unterseite gelte es jedoch ein Schließen der Kurslücke bei 6.262/40 Punkten unbedingt zu verhindern, füge die HSBC hinzu. „Bereits ein Rückfall in den ehemaligen Abwärtstrend seit Ende März würde für einen deutlichen Wermutstropfen sorgen.“

Deutlich pessimistischer schätze hingegen ein technischer Analyst von der BHF-Bank die Verfassung der Märkte ein und sehe den gegenwärtigen Anstieg nur als politisch bedingtes Strohfeuer, das vermutlich noch Ende dieser Woche beendet sein könnte. „Nach einer kurzen Topbildungsphase dürfte sich der mittelfristige Abwärtstrend an den europäischen Aktienmärkten weiter fortsetzen“, prognostiziere der Analyst.

Zwar hätten sich einige Aktienindex-Charts, wie etwa der des EURO STOXX 50 (ISIN EU0009658145/ WKN 965814), verbessern können, einige wichtige Intermarket-Indikatoren hätten den Anstieg der Aktienindices jedoch nicht oder nicht ausreichend bestätigt. Dazu zähle unter anderem der Euro, der bislang nur an einem einzigen Tag zugelegt habe und noch unterhalb des letzten kurzfristigen Hochpunkts von Mitte Juni notiere. „Auch innerhalb des Rohstoffsektors bzw. von rohstoffbezogenen Sektorindices wird der jüngste Anstieg nur unzureichend untermauert“, ergänze der technische Analyst und traue dem DAX auf kurze Sicht ein maximales Erholungspotenzial bis 6.670 Punkte zu.

Auch die Commerzbank bleibe skeptisch: „Auch wenn es beim Gipfel zu Beschlüssen kam, die die Marktteilnehmer zunächst positiv bewertet haben, sind die Probleme in Europa noch nicht gelöst. Daher werden bald die technischen Faktoren wie die zyklische Betrachtung wieder in den Mittelpunkt des Interesses der Börsianer rücken“, erwarte Analyst Christoph Geyer.

Tatsächlich habe der DAX mit dem Bruch der Abwärtstrendlinie ein deutliches Signal gesetzt. Ab 6.600 Punkten dürfte die Luft aus Geyers Sicht aber wieder dünner werden. „Als der MACD-Indikator an seiner Trigger-Linie nach oben abgeprallt ist, stellte dies ein positives Zeichen dar, was sich im jüngsten Ausbruch zeigte. Nach einem solchen Signal und der entsprechenden Bewegung kommt meist wenige Tage später die Ernüchterung“, erkläre der Commerzbank-Analyst.

Auffällig sei laut Geyer auch die Umsatzentwicklung der vergangenen Tage. „Den höchsten Umsatz konnte man am Tag vor dem jüngsten Aufschwung beobachten. Danach gingen die Umsätze kontinuierlich zurück. Damit zeigt sich, dass die Marktteilnehmer in der Breite noch nicht bereit sind einzusteigen und die Bereitschaft für Gewinnmitnahmen zum Wochenschluss hin wachsen dürfte.“

Ein weiteres kurzfristiges Ausufern über die 6.600er-Marke sei zwar möglich, neue Tops oder ein Erreichen der 7.000er-Marke könne man aktuell aber nicht erwarten. „Das Szenario eines signifikanten Tiefs in den kommenden Monaten bleibt daher intakt“, fasse Geyer zusammen.

Schwarz würden auch die Anleger sehen, wie die aktuelle Umfrage der Börse Frankfurt bei 300 aktiven Investoren zeige: Der Bull/Bear-Index für die deutschen Standardwerte sei auf 45 Prozent gefallen, gegenüber 57,8 Prozent in der Vorwoche. Damit bewege sich das Stimmungsbarometer erstmals seit fast zwei Monaten wieder unterhalb der 50-Punkte-Marke, die Optimisten von Pessimisten trenne. 12 Prozent hätten ihre DAX-Aktien verkauft, 11 Prozent seien gegenüber vergangenem Mittwoch short. Das Verhältnis Bullen zu Bären liege nun bei 36 zu 45 Prozent, der Rest sei unentschieden.

In Bezug auf die Technologiewerte seien Anleger noch etwas optimistischer gestimmt, doch habe auch hier das Bullenlager in der vergangenen Woche abgenommen. Allerdings seien sowohl Bullen als auch Bären an die Seitenlinie getreten. Das neutral gestimmte, nicht engagierte Lager gewinne 11 Prozent. Für den Bull/Bear-Index bedeute dies ein Zuwachs auf 57,1 Punkte, nach 55,7 in der Vorwoche.

Der Bull/Bear-Index misse den absoluten Optimismus im Markt. Dafür würden die Optimisten ins Verhältnis zu den Pessimisten gesetzt und mit den neutral Gestimmten gewichtet. Werte unter 50 Punkte würden eine pessimistische Gesamtstimmung der Anleger zeigen. (04.07.2012/ac/a/m)

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