Eurozone: Weichen für allmähliche Erholung gestellt – dank der Konjunkturlokomotive Deutschland

Den Haag (www.aktiencheck.de) – Die Hinweise auf eine zaghafte Erholung der Eurozone mehren sich, wenn auch der Weg aus der Rezession mühsam sein wird, so die Experten von ING Investment Management.

Ein stärkerer Euro könnte den Erholungsprozess ins Stocken bringen, doch möge es EZB-Präsident Mario Draghi gelingen, den Wechselkurs kleinzureden. Klar sei jedenfalls, dass die EWU noch nicht aus dem Schneider sei.

In diesem Jahr dürfte die langsame Erholung der EWU-Wirtschaft einsetzen. Die wachstumsschädliche Wirkung der Kredit- und Finanzbedingungen einerseits und der Sparmaßnahmen andererseits dürfte etwas nachlassen, während eine Verbesserung der globalen Nachfrage die Exporte beleben sollte. Die jüngsten Konjunkturdaten würden diese Sicht weitgehend bestätigen: Sowohl der Index der Einkaufsmanager (ISM) im Verarbeitenden Gewerbe als auch der von der Europäischen Kommission berechnete Geschäftsklimaindex der Eurozone seien im dritten Monat in Folge gestiegen. Doch innerhalb der EWU verlaufe die Entwicklung sehr unterschiedlich: Während Frankreich ins Schlingern gerate, zeichne sich an der Peripherie Entspannung ab.

Der Erholungsprozess werde weitgehend von Deutschland getragen. Das zeige sich auch am ifo-Geschäftsklimaindex, der im Januar – im dritten Monat in Folge – von 102,4 auf 104,2 Punkte gestiegen sei. In der Vergangenheit sei dies stets ein Indiz für eine nachhaltige Erholung gewesen. Der Anstieg habe vor allem auf der Erwartungskomponente beruht, die stark mit der deutschen Wachstumsdynamik korreliere und den Aufwärtstrend, der gegen Ende des letzten Sommers eingesetzt habe, reflektiere. All dies lege nahe, dass Deutschland dank seines diversifizierten Exportsektors erheblich von der globalen Wachstumsbelebung profitiere. Dies dürfte sich relativ schnell in einer Belebung der Binnennachfrage niederschlagen, vor allem angesichts der niedrigen Arbeitslosenrate, niedriger Realzinsen, guter Kreditversorgung und steigender Häuserpreise.

Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass der Weg aus der Rezession in kleinen Schritten stattfinden werde. Die Wirtschaft der Eurozone ähnle seit jeher einem behäbigen Tanker, der nur langsam die Wende schaffe. Der Schuldenabbau an der Peripherie gehe weiter und außer in Deutschland würden die Arbeitslosenzahlen und damit der Druck auf die Verbraucher steigen.

Das EZB-Anleihekaufprogramm Outright Monetary Transactions (OMT) habe das Risikoprofil von Staatsanleihen für Privatanleger attraktiver gemacht. Im Ergebnis hätten sich die Aussichten für die Solvenz von Banken und Regierungen deutlich verbessert, wie sich u. a. an der Entspannung an den Kreditmärkten zeige. Damit dürfte – vor allem an der Peripherie – eine Lockerung der Kreditvergabekriterien einhergehen. Dennoch scheine dieser Entspannungsprozess in der Finanzwirtschaft noch nicht in die Realwirtschaft durchgeschlagen zu sein.

Das OMT habe allerdings insofern die Realwirtschaft gestärkt, als dass es die Ungewissheit im Hinblick auf ein Auseinanderbrechen der EWU deutlich gesenkt habe, die noch im vergangenen Jahr für eine gedrückte Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern gesorgt habe. Ferner hätten Politiker jetzt eine bessere Vorstellung davon, was passiere, wenn ein drastischer Sparkurs der Wirtschaft die Luft abschnüre. Daher dürfte der Defizitabbau in diesem Jahr moderater als im Vorjahr verlaufen. Zusammen mit der weltwirtschaftlichen Erholung könnte dies Zuwächse beim Wachstum anstoßen.

Unlängst sei eine ganz neue Gefahr für die Erholung der Eurozone in Erscheinung getreten: ein gestärkter Euro. Habe die Gemeinschaftswährung Anfang Januar noch bei 1,30 gegenüber dem USD gelegen, sei sie einen Monat später bereits auf 1,36 geklettert. Hauptgrund sei die Ausweitung der Bilanzen anderer wichtiger Zentralbanken (Japan, USA) gewesen, während die EZB-Bilanz durch Rückzahlung der im Rahmen des ersten langfristigen Refinanzierungsgeschäfts (LTRO) im Dezember 2011 aufgenommenen Mittel etwas zurückgegangen sei. Auch die anscheinend gebannte Gefahr eines Kollapses der Eurozone sowie der Rückfluss von Kapital in die Region hätten zur Stärkung des Euro beigetragen.

Draghi habe den Wechselkurs beim EZB-Treffen letzte Woche noch kleingeredet. Nach den Worten Draghis sehe die EZB keinen Anlass, den Anstieg des Euro-Kurses mit Mitteln der Geldpolitik zu stoppen. Weitere geldpolitische Maßnahmen seien indes möglich, falls die Euro-Stärke Wachstum und Preisstabilität bedrohe. Im Anschluss an Draghis Stellungnahme sei der Euro gefallen, doch das möge nur vorübergehend sein. Wie bei seinem Versprechen im letzten Jahr, alles zu tun, um den Euro zu retten, bleibe abzuwarten, ob Draghi erneut ohne Taten überzeugen könne. Nach Einschätzung der Experten würden der Mangel an Wachstum, mögliche Rückschläge an der EWU-Peripherie sowie die Ungewissheit im Hinblick auf den Integrationsprozess in der Eurozone einem Höhenflug des Euro entgegenstehen.

Die EWU bleibe weiter für wirtschaftliche und politische Erschütterungen anfällig, wenn auch in geringerem Maße als vor einem Jahr. Zudem würden die EZB-Maßnahmen die Entwicklung hin zu einer fiskalischen, politischen und Bankenunion hemmen. Allerdings sei in der Vergangenheit häufig extremer Marktdruck der Auslöser für Fortschritte gewesen, zu denen es andernfalls vielleicht nicht gekommen wäre. Vor den Bundestageswahlen im September sei indes nicht mit wesentlichen Schritten zu rechnen.

Alles in allem müsse man die politischen Ereignisse in der EWU weiter im Auge behalten, wie die Wahlen, die am 24./25.02. in Italien stattfinden würden. Der wahrscheinlichste Ausgang sei die Bildung einer Mitte-Links-Regierung mit Unterstützung des Zentrumsblocks des scheidenden Premiers Mario Monti. Doch falls diese Koalition nicht die Mehrheit im ebenso einflussreichen Senat gewinne, könnte der Reformprozess ins Stocken geraten. (13.02.2013/ac/a/m)