Neubewertung bei europäischen Aktien steht an

London (www.aktiencheck.de) – Der europäische Aktienmarkt ist in den letzten fünf Jahren hinter dem US-Markt zurückgeblieben und der Performanceunterschied ist mit über 28 Prozent derzeit so groß wie noch nie, so die Experten von Schroders.

„Die europäischen Unternehmen sind gemessen an mehreren Maßstäben sehr attraktiv bewertet, sowohl im Vergleich zu ihrer bisherigen Entwicklung als auch zu anderen Regionen und Anlageklassen“, kommentiere Rory Bateman, Leiter europäische Aktien bei Schroders.

Europäische Aktien würden derzeit mit erheblichen Abschlägen (KGV von 12,8) sowohl gegenüber den USA (KGV von 23,8) als auch dem Asien­Pazifik­Raum ohne Japan (KGV von 20,4) gehandelt. Historisch gesehen habe der Abschlag Europas gegenüber den USA verschiedene Gründe gehabt. „Wir gehen zwar nicht davon aus, dass sich die Lücke vollständig schließen wird, doch wir erwarten eine Annäherung und rechnen mit einer gewissen Neubewertung der europäischen Aktien im Vergleich zu den USA und Asien. Auch wenn wir 2013 ein relativ niedriges Wirtschaftswachstum erwarten, können sich die europäischen Aktienmärkte aufgrund der niedrigen aktuellen Bewertungen und der Verbindungen zum globalen Wachstum dennoch gut entwickeln“, sage Rory Bateman.

Die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank hätten zwar das extreme Länderrisiko in Europa verringert, die Anleger seien allerdings immer noch nervös, weshalb der Risikoaufschlag für Aktien in Europa immer noch nahe bei seinem Allzeithoch liege. Obwohl diese jüngsten Sorgen nachgelassen hätten, befinde sich der Risikoaufschlag weiterhin auf einem historischen Höchststand. Der Risikoaufschlag für Aktien hänge von den Anleihenrenditen ab, die eindeutig auf einem künstlich niedrigen Niveau liegen würden. Jedoch sei ein Aufschlag von etwa 9,5 Prozent selbst bei höheren Anleihenrenditen (von zum Beispiel normalisiert zwei Prozent) immer noch sehr hoch – fast das Doppelte des historischen Durchschnitts in Europa. Im Vergleich dazu betrage der Risikoaufschlag in den USA rund 6 Prozent. „Angesichts dessen bezweifeln wir, dass Anleiheninvestoren für ihre eingegangenen Risiken entschädigt werden“, sage Rory Bateman.

Viele Bereiche des Anleihenmarkts scheinen sich in einer Blase zu befinden, während die Erwartungen für europäische Aktien bereits sehr niedrig sind, so die Experten von Schroders. Zum Beispiel würden die Ertragsprognosen für 2013 in Europa etwa 40 Prozent unter dem Höchststand von 2007 liegen, während die Ertragserwartungen in den USA das Hoch von 2007 um zehn Prozent übersteigen würden. Da sich das Extremrisiko eines Auseinanderbrechens der Eurozone allmählich verringere, dürfte der Risikoaufschlag wieder sinken, woraus sich erhebliche Chancen für Neubewertungen 2013 und darüber hinaus ergeben würden.

„Da viele europäische „Stars“ so niedrig bewertet sind, hätten wir für 2012 mehr Fusionen und Übernahmen erwartet, vor allem angesichts der soliden Unternehmensbilanzen und der hohen Liquidität“, sage Rory Bateman. Man denke nur an die Liquiditätsbestände von 1,2 Billionen USD der Unternehmen im S&P 500 (ISIN US78378X1072/ WKN A0AET0) (ohne Finanzinstitute).

„Bislang gibt es erste Hinweise auf eine Belebung in diesem Jahr. Ein Beispiel ist das Übernahmeangebot von UPS (ISIN US9113121068/ WKN 929198) für TNT Express (ISIN NL0009739424/ WKN A1JJP8), bei dem UPS einen Aufschlag von 50 Prozent auf den Aktienkurs der global bekannten Marke bot. Aufgrund der Risikoaversion sind jedoch viele dieser potenziell wertsteigernden Transaktionen nicht zustande gekommen. Doch wenn wir zum Ausgangspunkt zurückkehren und die Folgen der entschlossenen Maßnahmen der EZB berücksichtigen, dürfte die Entschärfung einiger Extremrisiken der Schuldenkrise für mehr Fusionen und Übernahmen 2013 sorgen“, kommentiere Rory Bateman.

Die europäischen Aktienmärkte hätten seit ihren Tiefständen bereits angezogen und in den vergangen zwölf Monaten eine positive Wertentwicklung von 20 Prozent erzielt. Über drei Jahre gesehen dürften die erwarteten Gewinne bei den aktuellen Einstiegskursen oder darunter jedoch erheblich sein – jedenfalls auf Basis der historischen Gewinne.

Nach Erachten der Experten gebe es reichliche Chancen für eine Anlage in attraktiv bewertete und einzigartige globale Unternehmen in Europa. Eine gute Titelauswahl bleibe jedoch eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Anleger diese Chancen effektiv nutzen könnten. Wie zu erwarten seien die Unterschiede auf Länderebene groß. Doch Anleger sollten bei ihren Anlageentscheidungen nicht zu sehr darauf achten, in welchem Land das Unternehmen seinen Firmenhauptsitz habe. „Unserer Meinung nach beherbergen die Peripherieländer Europas globale Qualitätsunternehmen, die hinsichtlich des Wachstums nicht von ihrer heimischen Volkswirtschaft abhängen“, sage Rory Bateman.

„Langfristig orientierte Anleger sollten über die derzeit von Sparmaßnahmen geprägte Stimmung am europäischen Aktienmarkt hinwegsehen und interessante europäische Werte zu attraktiven Bewertungen kaufen. Eine Besserung der Stimmung ist nach wie vor möglich, da sich das Vertrauen der Verbraucher und Produzenten allmählich stabilisiert. Auch verzeichnen die spanischen Exporte – vielleicht überraschend – eine der höchsten Wachstumsraten in Europa, während das Leistungsbilanzdefizit in Spanien, Portugal und Griechenland zurückgehen dürfte. Dies sind ermutigende Anzeichen, die möglicherweise auf eine beginnende Erholung hindeuten. Sollten weiter Fortschritte gemacht werden, könnte man sich durchaus ein Szenario vorstellen, in dem Wachstumsstrategien und expansive Maßnahmen dank erfolgreicher Strukturreformen und Sparmaßnahmen auf der politischen Agenda nach oben rücken – womit sich die Frage stellt, ob die Sparprogramme vielleicht die Sicht auf die Chancen in Europa verstellen“, sage Rory Bateman abschließend. (24.01.2013/ac/a/m)